Mörderbäume

coverMörderbäume

Eine junge Frau sucht im Landesinnern von Schottland ihren verschwundenen Bruder – sie findet das Grauen. —
Der Chief Constable antwortete nicht, und eine ganze Weile herrschte Stille, unterbrochen nur vom Ticken der Uhr.
»Was haben Sie jetzt vor, Miss Lorrimer?«, fragte McDowell dann.
»Ich habe Erkundigungen eingezogen«, antwortete Vera Lorrimer. »In London habe ich unser Archiv gesichtet und mit New Scotland Yard gesprochen. Dann war ich in Killamy, einem Dorf hier in der Nähe, und habe mich umgehört. Oder vielmehr versucht, es zu tun. Sobald die Rede auf den Geisterwald kam, verstanden die Einheimischen mich nicht mehr oder hatten dringend etwas anderes zu tun. Dann war ich in Inverness bei der Scotland-Yard-Abteilung, und jetzt bin ich bei Ihnen. Ich gehe hier nicht eher weg, bis ich weiß, was meinem Bruder zugestoßen ist und was es mit dem Geisterwald auf sich hat, in dem immer wieder Menschen verschwinden.«
Jetzt schaute Chief Constable McDowell sie direkt an.
»Sie sind fest entschlossen, etwas herauszubringen? Sie werden sich durch nichts davon abhalten lassen?«
»Genau, Chief.«
Der grauhaarige Mann seufzte.
»Es ist schade, dass junge Leute oft so halsstarrig sind. Sie wollen nicht glauben, dass wir Älteren die größere Erfahrung haben, und dass sie gut daran tun, auf unseren Rat zu hören. Verlassen Sie diese Gegend, das ist der beste Rat, den ich Ihnen geben kann. Forschen Sie nicht länger wegen des Verschwindens Ihres Bruders.«
»Sie können mich nicht umstimmen. Sagen Sie, Chief McDowell, ist es nicht grässlich, wenn man sein ganzes Leben in Angst verbringt? Sie stammen aus dieser Gegend, und Sie haben Angst wie die anderen Einheimischen. Wovor, Chief? Sie sind Polizist, und Sie haben einen Eid geschworen.«
McDowell trat zum Fenster und sah hinaus auf den Hof und die Backsteinmauer.
»Was hat Inspektor Fishby in Inverness gesagt?«, fragte er, ohne sich umzu¬wenden.
»Er sagte, er hätte es hier mit einem sturen Menschenschlag zu tun, der allen Nachforschungen nur mit mürrischem Schweigen begegnet. Wenn die Rede auf den Geisterwald kommt, wissen die Leute nicht einmal mehr, was Osten und was Westen ist. Sie bringen gerade noch ihren Namen zusammen und erinnern sich, dass es tags hell und nachts dunkel ist. Inspektor Fishbys Ermittlungen sind alle im Sand verlaufen, und er ist sehr ärgerlich über Ihre Art und die der hiesigen Bevölkerung, Chief McDowell.«
»Der Narr, er weiß nichts«, murmelte der Polizeichef. »Und Sie wissen noch viel weniger als er, Miss Lorrimer. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die mit der Wissenschaft nicht zu erklären sind. Uralte Dinge, gegen die man nicht ankann. Diese Gegend hier ist schon sehr lange von Menschen besiedelt, Miss Lorrimer, wenn auch nicht dicht. Schon als es noch eine Landverbindung zwischen England und dem Festland gab, in längst vergessener Zeit, lebten hier Menschen. Ihre Priester beherrschten Dinge, von denen unsere Wissenschaftler heute nicht einmal mehr träumen. Viel, viel später kamen die Kelten, immer noch vor der Zeitenwende, und ihre Druiden über¬nahmen das Erbe der Priester jenes vorzeitlichen Volkes. Damals geschahen zur Zeit der Winter- und Sommerson¬nenwende furchtbare Dinge in den Wäldern an den Quellen des Don und Dee. Viele Menschen wurden getötet, ihr Blut zu Ehren heidnischer Götter vergossen. Es heißt, ihre Geister irren noch umher, und deshalb heißt der Wald hier der Geisterwald.«
»Vielen Dank für Ihren Vortrag, Chief McDowell«, sagte Vera trocken. »Was einmal vor langer Zeit war, interessiert mich nicht. Mein Bruder ist jetzt verschwunden.«
McDowell drehte sich nun um.
»Ich rede mit Ihnen offener als mit irgendeinem anderen Fremden je in mei¬nem Leben. Hier existieren noch uralte Gräuel, wie es sie sonst vielleicht nirgends mehr auf der Erde gibt. Kehren Sie nach London zurück und vergessen Sie Ihren Bruder, mehr kann ich nicht sagen.«

Über Earl Warren

Schriftsteller - Autor Ca. 1.000 Romane - fantastische und andere Literatur - siehe Bibliografie.
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